Ich sitze zwischen Schauspieler*innen und Spiritist*innen und beobachte jeden Blick, jede verschobene Geste. Über den Tischen zieht flackerndes Licht und plötzlich fühlt sich alles an wie ein alter Babelsberg-Film. In der Luft liegt der Glanz der Traumfabrik und die Ahnung dass hinter jedem Lächeln ein Geheimnis lauert. Alles fühlt sich geladen an. Die Diva ist tot. Ihr Glanz liegt noch in der Luft. Wer lügt, wer verschweigt, wer wusste zu viel? Das möchte das Krimidinner-Spiel „Der rote Engel“ herausfinden.
Hinweis: Diese Rezension bleibt spoilerfrei. Ich werde weder den Täter/die Täterin verraten noch entscheidende Wendungen aus dem Spiel offenlegen. Wenn du also planst, „Der rote Engel“ selbst mit Freund*innen zu spielen, kannst du weiterlesen, ohne dir den Spaß zu nehmen.
Eckdaten
| Name | Der rote Engel |
| Aus der Reihe | Mörderische Dinnerparty |
| Hersteller | Blaubart Verlag |
| Altersempfehlung | ab 16 Jahren |
| Spieldauer | 180-240 Minuten |
| Spieler*innen-Anzahl | 6-8 Personen |
Spielbeschreibung:
Berlin 1928. In der Traumfabrik Babelsberg liegen Licht und Schatten nach beieinander. Die Schauspielerin Zarah Leandros steht mir ihrer Hauptrolle in „Der rote Engel“ vor ihrem Durchbruch. Doch dann stirbt die glamouröse Filmdiva auf rätselhafte Weise im Berliner Nachtclub „Kakadu“. Hat jemand aus ihrem engsten Kreis ihrer Karriere ein jähes Ende bereitet? Der Spiritist Prof. Magnusson will in einer Séance Zarahs Geist im Jenseits kontaktieren und herausfinden, was wirklich geschah.
Ablauf

„Der rote Engel“ ist ein Krimidinner-Spiel für Zuhause für etwa 6 bis 8 Mitspieler*innen, geeignet ab etwa 16 Jahren und mit einer Spieldauer von rund 3 bis 4 Stunden. So läuft der Abend grob ab:
- Vorbereitung: Jede Person erhält eine Rollenkarte mit Hintergrundinformationen, Geheimnissen und Motivationspunkten. Dazu gibt es Einladungen und Kostümvorschläge, die dabei helfen, die Figuren greifbar zu machen.
- Einführung: Der Gastgeber/die Gastgeberin oder eine Person liest zu Beginn den Partyplaner vor. Das enthält den Ablauf des Abends, Menü- und Musikvorschläge, damit die Stimmung passt.
- Spielrunden: In mehreren Runden tauscht ihr euch aus, tragt Dialoge, Indizien, Hinweise und Geheimnisse zusammen. Zusätzlich gibt es Hörspiel-Mp3-Dateien (früher CD), die in den Fall einführen, Atmosphären schaffen und neue Hinweise einspielen.
- Enthüllungen: Nach den Runden folgt eine gemeinsame Diskussion. Ziel ist es, den Mörder oder die Mörderin zu identifizieren. Am Ende wird abgestimmt, wer der Täter oder die Täterin sein soll.
Das Spiel ist so aufgebaut, dass alle Teilnehmer*innen aktiv eingebunden sind und sich austauschen müssen, um der Wahrheit näherzukommen. Hin und wieder gibt es Dialoge, die vorgelesen werden, um das Eis zu brechen. Gespielt wird ohne eine externe Spielleitung, also ganz unter euch.
Rezension: Der rote Engel
Ich sitze also am Tisch. Nicht mehr nur zwischen Schauspieler*innen und Spiritist*innen, sondern mitten in dieser Welt, die sich längst verselbstständigt hat. Die Rollen liegen vor uns wie lose Geschichten, und plötzlich wird aus einem Wohnzimmer ein Nachtclub im Berlin von 1928. Der Moment, in dem man die erste Karte aufschlägt, fühlt sich an wie ein Filmbeginn: Neugierig, ein bisschen unruhig, voller Erwartung.
Es ist nicht das typische Krimi-Dinner, bei dem man stur Hinweise abhakt. Hier ist jede Szene wie ein Mini-Fragment eines Films. Die Geschichten in den Rollenbüchern sind nicht nur Information, sie sind Einladung zu spielen, zu denken und zu fühlen. Ich selbst musste einen Berliner Akzent sprechen, und schon beim ersten Satz war klar: Meine Rolle lebt. Die kleinen Stolperer, das „icke“ und „wat“, haben mehr gelacht als alles andere und mir selbst ein bisschen Herzklopfen verschafft, weil ich aufpassen musste, nicht aus der Figur zu fallen.


Der rote Engel hat nicht einfach einen Fall zum Lösen. Er hat Atmosphäre. Der Fall ist nicht bloß ein Puzzle, er ist ein Ort: Babelsberg, Nachtclub Kakadu, ein Hauch von Glamour und Staub. Und dieser Ort breitet sich aus, sobald man das erste Rollenbuch aufschlägt. Es sind nicht nur Rollen. Es sind kleine Biografien, die verlangen, gespielt zu werden.
Was diesen Abend ausmacht, ist nicht nur der Fall, sondern das Zusammenspiel. Man lacht, man rätselt, man versucht zu deuten und spürt gleichzeitig, wie alle um einen herum dieselbe seltsame Mischung aus Realität und Inszenierung erleben. Trotz all der Intensität bleibt es ein Spiel, bei dem man sich nicht verlieren muss, aber definitiv verlieren kann, wenn man will.
Erfahrungsbericht & Fazit
Während der Abend voranschreitet, sammelt man keine Punkte, sondern Eindrücke: Wer weicht Fragen aus, wer redet zu viel, wer weiß Dinge, die nicht zusammenpassen. Das Spannende daran ist nicht der Mord selbst, sondern wie beiläufig alles passiert. Man spielt, unterhält sich, improvisiert und merkt erst später, dass man längst Teil einer Geschichte geworden ist, die sich nicht anfühlt wie ein Spiel, sondern wie eine sehr gut getarnte soziale Probe.

Nachdem der Abend vorbei war, hingen wir noch eine ganze Weile in diesem Berlin von 1928. Wir haben gerätselt, gelacht, uns verkleidet und teilweise lautstark unsere Theorien ausgetauscht, und trotzdem erst am Schluss mit Sicherheit sagen können, wer was wusste und wer am Ende die Fäden in der Hand hatte. Jede Rolle hat gelebt, jede Szene gezündet, und zwischen Gläserklirren und geheimnisvollen Blicken merkt man, dass man mehr gespielt hat, als nur Hinweise gesammelt. Der rote Engel ist kein Spiel, das man nebenbei macht. Es ist ein Abend, der sich wie ein Film entfaltet.

Diese neugierige Seele stammt us dem rauen Norden, wo Wind und Wellen das Land formen. Getrieben von Neugier zieht sie durch Tavernen, Häfen und ferne Länder und ist dabei immer auf der Suche nach den Wahrheiten hinter den Märchen. „Thale Grimm“ ist ihr Pseudonym, unter dem die Autorin ihre Gedanken und Erzählungen teilt.
