Ich wusste nicht, was mich an diesem Abend mehr verwirren würde: Die Person im Wassermelonen-Kostüm, der Fisch in ihrer Hand oder die Tatsache, dass mir ein Song über Tripper beinahe Tränen der Rührung in die Augen getrieben hat. Aber genau so funktioniert ein Kupfergold-Konzert. Es beginnt seltsam, es wird lauter, es wird feministischer und irgendwann stellt man fest, dass man mitten in einer der herzlichsten, absurdesten und ehrlichsten Live-Shows steckt, die man seit Langem erlebt hat.
Eindrücke vom Kupfergold-Konzert der Fasan-Alarm-Tour am 5. Dezember in der Kleinen Freiheit Osnabrück.
Das Publikum
Das Konzert war, wie ich es aus der Folk- und Mittelalter-Szene bereits kenne, auffällig inklusiv. Ich habe Menschen zwischen 6 und 80 Jahren, diverse Geschlechter, Outfits und Stile gesehen. Und ja: Wer Kinder mitbringt, sollte wissen, dass Kupfergold auch mal derbe wird. Spätestens beim zweiten Song,„Und ’n Tripper“ , sollte klar geworden sein, dass hier keine gesellschaftlich auferlegten Konstrukte gelten und Tabu nur das ist, was anderen Menschen schadet.
Auf dem Konzert waren Menschen zu sehen, die sich als Wassermelone verkleidet hatten und einen Fisch in der Hand hielten, Glitzer im Gesicht hatten oder Leuchtbänder in den Bart geknotet. Andere trugen Merch von Mr. Hurley & die Pulveraffen oder Versengold. Es hatte etwas von einer Folk-Party, die nie so genau weiß, wohin sie kippt, aber immer im besten Sinne und meistens in den Rachen.
Die Musik auf dem Kupfergold Konzert
„Wir sind die Neuen hier in eurer Gegend. Unsere Nester sind gebaut. Eine Bedrohung für das schnöde Leben. Wir brüten irgendetwas aus.“
Schon der Opener-Songtext aus dem Lied „Fasan Alarm“ eröffnet ein Versprechen, das den Abend über gehalten werden kann. Genau dieses „irgendetwas“ ist Kupfergold live: Laut, liebevoll schräg, politisch und dabei unverschämt unterhaltsam.
Musikalisch war die Stimmung bei „Lichtermeer“, „Metmeister“ und „Der Klügere kippt nach“ unfassbar gut. Die Balance zwischen ruhigerer Ballade und Partysong war immer gegeben, wobei die meisten Songs eher zum Tanzen einluden. Bonnie Banks gibt alles, sogar so sehr, dass Eric Rhymes teilweise auch bei den melancholischeren Liedern gegen einen Lachkrampf ankämpfen musste. Kein Wunder, denn auch die Balladen, wie „Zombie Malone“, bringen einen humorvollen Twist in eine traurige Melodie. Andere Lieder, wie „Rammlerbräu“, haben mich kurz wieder zurück zum MPS (eines der größten Mittelalter- und Fantasy-Festivals) von Gisbert Hiller geworfen, der ebenfalls in der Bühnenshow Erwähnung fand.
Und dann zog, mitten im Dezember, sogar kurz Karneval in Osnabrück ein. Mit „Met Kasalla uss Valhalla“ gingen kurz einmal alle Lampen an. Textlich hab ich die Hälfte nicht verstanden, aber wen interessiert’s? Einer der lustigsten Momente: Das Publikum wurde beim mittlerweile ikonischen „Heiliger Bimbatz“ aktiv eingebunden. Wir haben gemeinsam das Cajon von Bummbummbasti heraufbeschworen, inklusive Kutten der Band-Mitglieder, LARP-Vibes und einer Extraportion Humor.
Zum Abschluss gabs eine Reihe von Covern aus dem Irish-Folk- und Popmusik-Bereich. „The Parting Glass“ liebe ich seit Assassin’s Creed: Black Flag und Kupfergold hat es wunderschön umgesetzt. Aber auch Shakira oder Eminem haben sie überraschend überzeugend drauf. Und als dann „Es ist Obst im Haus“, das deutsche Meme schlechthin, angestimmt wurde, war der Abend endgültig rund.
Band und Bühnenshow
Bonnie Banks ist ein stimmliches Powerhaus, das live noch viel stärker wirkt als auf Aufnahmen. Eric Rhymes wiederum hat eine beeindruckende Fähigkeit, das Publikum sofort mitzunehmen. Bummbummbasti war natürlich am Schlagzeug, aber für eine Ballade auch mal am Klavier, während Kai der Hai am Bass und Flint Stone alles rund machten. Dazu Seitenhiebe zwischen den Bandmitgliedern und eine schöne, herzliche Dynamik. Die Bühnenpräsenz war durchweg stark.
Mein persönliches Highlight war der Auftritt von Sinja, deren Geige einigen Songs eine völlig neue Dimension gegeben hat. Trotz fehlendem In-Ear-Monitoring saß da beinahe alles und es wirkt so, als wäre sie immer schon mit Kupfergold auf der Bühne gewesen.

Feminismus im Partykostüm
Was ich besonders gefeiert habe waren die feministischen Botschaften, die sich wie ein roter Faden durchs Set zogen. Female Rage, Selbstbestimmung, Humor: Alles da. Bei Songs wie „Muschelbusen“ wurde auf der Bühne über selbstbestimmte weibliche Sexualität gesungen, in der sich die Frau, statt passiv erobert zu werden, selbst die Partner aussucht, während im Publikum große, stämmige Männer mit langen Bärten und leicht rosa Wangen begeistert mitsangen und Seifenblasen in die Menge gepustet wurden. In „Und ’n Tripper“ singt die Band über kontrollierende, selbstherrliche Männlichkeit, der offensiv die Macht entzogen wird, klare Grenzen gesetzt werden und Wut und Selbstbestimmung laut und kompromisslos zurückgefordert werden:
Du sagst ich solle dankbar sein, dich immer fleißig ehren. Ich soll dich nehmen, wie du eben bist. Liebchen, hast du echt gedacht, ich würde mich nicht wehren?
Auch „Das Bienenhaus (Maria du)“ traf sichtbar einen Nerv: Ein Song, der zeigt, wie absurd die Erwartungen an Frauen ist, ständig verfügbar, funktional oder brav sein zu müssen, indem er weibliche Rollenbilder überzeichnet und so deren Lächerlichkeit entlarvt. Kupfergold verpackt das so geschickt in Partylieder, dass die Message nie belehrend wirkt, aber trotzdem ankommt.
Dass Bonnie Banks sich, ebenso wie ihre Kollegin Pegleg Peggy von Mr. Hurley und die Pulveraffen, stark für die Gleichstellung in der Veranstaltungsbranche einsetzt, hat man auf diesem Konzert deutlich gemerkt. Die Veranstaltungsbranche ist nicht einfach. Ich habe als Frau selbst Sound studiert und kenne genügend Unarten aus technischen Departments von Filmsets.
Vielleicht wollte ich deshalb umso lauter mitgrölen.
Fazit
I have been raised by coldmirror. Deshalb hat mich die Mischung aus Fantasy, deutschen Memes und Selbstironie, Witzen und Fäkalhumor abgeholt. Kupfergold nennen ihr Genre selbst liebevoll „Assi-Folk“ und ja, das beschreibt es ganz gut. Eine unglaublich gute Live-Band, die schafft, dass jede:r Spaß hat, egal ob man die Songs kennt oder nicht. Die Band hat noch Großes vor sich, da bin ich mir sicher. Und ich werde auf jeden Fall wieder dabei sein. Oder, um es in Kupfergold-Slang zu sagen:
Mer sin jlöcklich!
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Diese neugierige Seele stammt us dem rauen Norden, wo Wind und Wellen das Land formen. Getrieben von Neugier zieht sie durch Tavernen, Häfen und ferne Länder und ist dabei immer auf der Suche nach den Wahrheiten hinter den Märchen. „Thale Grimm“ ist ihr Pseudonym, unter dem die Autorin ihre Gedanken und Erzählungen teilt.
